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FEMINISMUS NERVT!

Text: Mali-Janice Paede

Feminismus ist anstrengend. Manchmal habe ich es richtig satt Feministin zu sein. Warum? Mich permanent damit zu beschäftigen, wie scheisse ungerecht diese Welt ist, macht gar nicht mal so viel Spaß, wie manche Antifeminist* innen denken mögen. Tatsächlich ist es deprimierend bis verstörend (und das sage ich aus der irre privilegierten Position einer weißen, non-disabled Person in Deutschland). Und: Anhängerin des Feminismus zu sein, heißt, sich dauernd verteidigen, diskutieren und unfassbar viel streiten zu müssen. Und das nervt gewaltig.

„Mich nervt es, regelmäßig mit Vorurteilen zum Feminismus konfrontiert zu werden.“

Ja, ich bin Feministin. Trotzdem – achtung, Mindblow-Gefahr – rasiere ich mir meine Beine, die Achseln und sogar ab und an den Intimbereich. Lila Latzhosen sind für mich ein ästhetisches Verbrechen und, danke der Nachfrage, ich werde regelmäßig und äußerst gekonnt durchgevögelt (Dank geht raus an meinen Liebsten). Entgegen aller Klischees haben mich also weder die sexuelle Frustration noch ein unerklärlicher Hass auf Männer in den Feminismus getrieben. Was dann? Ich bin Feministin, weil unser Gesetzbuch zwar alle Menschen unabhängig von Geschlecht, Herkunft und Hautfarbe als gleichwertig definiert, sich unsere Gesellschaft aber immer noch viel zu wenig darum schert. Oder vielleicht versteht auch einfach kaum jemand, was “Gleichheit für alle” bedeutet. Wo wir direkt beim nächsten Punkt anlangen, der mich tierisch ankotzt:

„Mich nervt es, dauernd erklären zu müssen, warum wir auch im Jahr 2022 noch Feminismus brauchen.“

“Was willst du denn noch? Du darfst doch schon Auto fahren, arbeiten und wählen.” Achso, na dann… Ich weiß, dass wir der Gleichstellung näher sind als jemals zuvor. Ich weiß aber auch, dass wir noch einen weiten Weg vor uns haben, bis wir sie endlich erreichen. Noch immer sind drei viertel aller Führungskräfte in unserem Land Männer. Noch immer verdienen Frauen im Schnitt sechs bis 18 Prozent weniger als ihre männlichen Kollegen. Noch immer wenden Frauen mehr als doppelt so viel Zeit für unbezahlte Sorgearbeit auf wie Männer. Und noch immer müssen weiblich gelesene Personen ununterbrochen um ihre Gesundheit und ihr Leben bangen: Knapp die Hälfte aller Frauen in Deutschland wurden schon mindestens einmal im Leben sexuell belästigt, mehr als jede siebte wurde vergewaltigt oder sexuell genötigt. Statistisch gesehen wird jede Stunde mindestens eine Frau durch ihren Partner bzw. Ihre Partnerin gefährlich körperlich verletzt und jeden dritten Tag stirbt eine durch Gewalt in der (Ex-)Partnerschaft. Diese Verbrechen schaffen es fast nie in die Nachrichten. Sie sind schlicht: zu alltäglich.

WATCHTIPP: SERIE MAID AUF NETFLIX

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Zeigt den (inneren) Kampf einer jungen Mutter, die darum kämpft, sich und ihr Kind aus einer missbräuchlichen Beziehung zu befreien.
RICARDO HUBBS/NETFLIX


Wer mir jetzt noch immer erzählen will, dass Frauen in Deutschland die gleichen Rechte, Chancen und Möglichkeiten auf Selbstentfaltung haben, der – verzeiht die Ausdrucksweise – bumse sich bitte selbst herzhaft ins Knie.

Und ja, ich weiß – es gibt auch Männer, die wenig verdienen, Männer, die mehr Care-Arbeit leisten als so manche Frau, und Männer, die von sexualisierter Gewalt und Gewalt in der Partnerschaft betroffen sind. Ich möchte das nicht unter den Teppich kehren, verharmlosen oder relativieren. Was ich möchte, ist: ein gewaltfreies Leben, Selbstbestimmung, Freiheit und Gleichheit für ALL Menschen, völlig unabhängig davon ob sie männlich, weiblich, trans*, non-binary, weiß, BIPoC, behindert oder nicht-behindert sind. Genau das ist für mich das Ziel von Feminismus, keineswegs ein Matriarchat. Womit ich (hier geht es Schlag auf Schlag) zum nächsten nervigen Aspekt komme

„Mich nervt es, wenn Menschen im Namen des Feminismus diskrimieren.“

Ich bin ein relativ toleranter Mensch, der viele Meinungen akzeptieren und stehen lassen kann – auch im Feminismus. Aber es gibt Grenzen. Und die liegen da, wo es ignorant oder sogar gruppenbezogen menschenfeindlich wird. Denn das ist für mich unvereinbar mit meinem persönlichen Feminismus.

Moment, “mein” Feminismus? Ja, richtig gelesen. Denn den einen Feminismus gibt es nicht. Stattdessen gibt es diverse Strömungen: den liberalen, eher konservativen Feminismus, den Netzfeminismus, den sexpositiven Feminismus, den queeren Feminismus, den radikalen Feminismus, und so weiter. Manche Feminismen gehen ineinander über und sind kombinierbar. Andere widersprechen sich.

“Mein” Feminismus (und der von uns allen bei THE DISTRIQT) ist ein intersektionaler. Der intersektionale Feminismus stellt sich (dies ist der einzige gemeinsame Kern aller Feminismen) gegen die Benachteiligung, die Cis-Frauen aufgrund ihres biologischen Geschlechts erleben – darüber hinaus kämpft er gegen jegliche weitere Art der Diskriminierung, die Menschen erleiden. Sei es aufgrund ihres Alters, ihrer Teints, Religion, gesellschaftlichen Klasse, Nationalität, der sexuellen Orientierung, des (sozialen) Geschlechts, etc.

LESETIPP

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Das Online-Mag feminininnen hat eine verständliche Übersicht über verschiedene Feminismen erstellt.
PHOTO: UNSPLASH/ @BILLIEBODYBRAND

Womit ich zurückkomme, zu dem eigentlich Thema dieses Textes: Nichts nervt mich mehr am Feminismus, als Personen, die im Namen des Feminismus diskriminieren. Das kann verhältnismäßig harmlos aussehen, wie im Fall eines Tweets, den Sophie Passmann Anfang 2021 absetze:

Die Journalistin und Autorin twitterte etwas im Sinne von “Wer Gendern nicht versteht, ist einfach zu dumm”. Den genauen Wortlaut kann ich leider nicht wiedergeben, weil Passmann den Beitrag mittlerweile entfernt hat. Was sie nicht löschen konnte, ist die Wut, die derartige Ausgeburten des eurozentristischen, elitären Feminismus in mir schüren. Ich vermute, Passmann beabsichtigte mit ihrem Kommentar, antifeministische, unbelehrbare Gender-Gegner*innen zu beleidigen. Dagegen habe ich nichts, da mache ich gerne mit. Mit ihrer Äußerung kanzelt sie aber nebenbei auch all jene Menschen ab, die aufgrund (struktureller) Umstände keinen gescheiten Zugang zur Gender-Debatte haben bzw. finden. Sei es, weil Knochenjob, Krankheit, Krieg, etc. ihnen weder Zeit, Kraft noch Muße lassen, um sich mit sprachlichen Diskursen zu beschäftigen. Oder weil sie nicht den gleichen Bildungsstand haben wie Passmann. Oder, weil sich bisher nie jemand die Mühe gemacht hat, ihre Verwirrung ernst zu nehmen und ihnen in einfachen, freundlichen Worten zu erklären, wofür dieses ominöse Gender überhaupt gut sein könnte.


Während solche Ignoranz und Arroganz mich nerven und ärgern, schürt Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit (nicht nur im Feminismus) wahre Abscheu in mir. Bei Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit werden Menschen aufgrund eines gemeinsamen Merkmals in Gruppen eingeteilt und abgewertet bzw. ausgegrenzt. Ein Beispiel dafür: Nazis, die Menschen mit Migrationsgeschichte zum Feindbild erklären; Homophobe, die Lesben, Schwule, Bisexuelle und Pansexuelle verachten oder: TERFs (Trans-Exclusionary Radical Feminist), die alle Geschlechtsidentitäten jenseits von Cis-Männlickeit und Cis-Weiblichkeit negieren, verurteilen und aus ihrem Kampf für Gleichheit und Gerechtigkeit ausschließen.

TERFs vertreten die Ansicht, trans* Frauen seien Männer, die versuchen, in weibliche (Schutz-)Räume wie Toiletten, Umkleidekabinen oder Frauenhäuser einzudringen – ergo hinterlistige Täter. Trans* Männer seien derweil Frauen, die die Transition nutzen, um den diskriminierenden patriarchalen Strukturen zu entkommen – und damit bemitleidenswerte Opfer. TERFs sind nicht nur trans*-feindlich, sondern protestieren daneben auch gerne mal gegen Sexarbeiter*innen und für Burka- und Kopftuchverbote (die Betroffenen werden natürlich nicht nach ihrer Meinung gefragt). Summa summarum sind sie die Arschlöcher unter den Feministinnen. Ihre Haltung ist rückwärtsgewandt, ihr Weltbild eurozentrisch und beschränkt, ihre Handlungen rücksichtslos. Sie kämpfen vorgeblich gegen das Patriarchat, beteiligen sich aber selbst an der Diskriminierung tausender Menschen. Und sind damit der unfeministische Feminismus aller Zeiten. Wutrede: Over.

„Feminismus nervt, aber ohne geht es nicht.“

Klammern wir das unsägliche Thema “TERFs” mal aus, dann lässt sich sagen: Ja, Feminismus ist manchmal unfassbar anstrengend. Für Feministinnen und für Antifeminist*innen allemal. Und doch ist er alternativlos – und das beste was mir passieren konnte. Denn er gibt meinem Leben einen Sinn. Also, ja: Feminismus nervt. Aber kein Feminismus nervt mehr. AMEN.

WATCHTIPP: TERFS

WATCHTIPP: TERFS

Pinkstinks erkärt in diesem Video nochmal ganz genau was TERFs sind.




FEMINISM FOR EVERYONE



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